Orderflow Trading: Level 2, Time & Sales, Big Prints und Volume Profile erklärt
Ein Kurschart zeigt Ihnen, wo eine Aktie gehandelt wurde. Der Orderflow zeigt, wie sie dorthin kam: wer es eilig hatte, auf welchen Preisstufen Käufer oder Verkäufer auftauchten und wo große Stückzahlen den Besitzer wechselten. Für Daytrader ist er der genaueste Blick, den man auf die Auktion hinter jeder Kerze bekommen kann. Zugleich wird sein Nutzen oft übertrieben. Dieser Ratgeber erklärt die wichtigsten Werkzeuge (Spread, Level 2, Tape, Big Prints und Volume Profile), wie Trader sie tatsächlich einsetzen und was Orderflow-Daten für Privattrader nicht verraten können.
Die Grundidee: aggressive und passive Orders
Jeder Trade hat zwei Seiten. Eine Seite wartete im Orderbuch (eine Limit-Order, die auf einer Preisstufe liegt). Die andere Seite war aggressiv: Sie hat den Spread überquert, um sofort zu handeln.
- Ein Käufer, der das Angebot abnimmt (also zum Ask kauft), ist ein aggressiver Käufer.
- Ein Verkäufer, der ins Geldgebot verkauft (also zum Bid verkauft), ist ein aggressiver Verkäufer.
Dominieren aggressive Käufer, steigt der Kurs tendenziell durch die Angebote nach oben; dominieren die Verkäufer, fällt er durch die Gebote nach unten. Orderflow-Werkzeuge sind verschiedene Wege, dieses Kräfteverhältnis sichtbar zu machen.
Der Bid-Ask-Spread
Der Bid (Geldkurs) ist der höchste Preis, den gerade jemand zu zahlen bereit ist; der Ask (Briefkurs) ist der niedrigste Preis, zu dem jemand verkaufen will. Die Lücke dazwischen ist der Spread, und bei US-Aktien heißt der beste Bid und Ask über alle Börsen hinweg NBBO (National Best Bid and Offer).
Ein enger Spread bedeutet, dass die Aktie liquide und günstig zu handeln ist. Ein weiter Spread ist ein versteckter Kostenfaktor: Wer zum Ask kauft und zum Bid verkauft, verliert bei jedem Round Trip den Spread. Spreads weiten sich vorbörslich, nachbörslich, bei Low-Float-Aktien und rund um News aus, also genau dann, wenn Trader am aktivsten sind.
Level 2: die Markttiefe
Level 1 zeigt nur den besten Bid und Ask. Level 2 zeigt die Tiefe dahinter: die Stückzahl, die auf jeder Preisstufe wartet, oft mit der Börse oder dem Market Maker, der sie stellt. Trader lesen daraus:
- Wände: große Stückzahlen auf einer Preisstufe, die die Bewegung bremsen können.
- Ausdünnen: Angebote über dem Kurs verschwinden, was ihn laufen lassen kann.
- Nachladen: Stückzahlen, die nach dem Abräumen immer wieder auf derselben Stufe auftauchen.
Die Einschränkungen sind groß. Orders im Buch können sofort storniert werden, ein Teil der Stückzahl ist verborgen (Iceberg-Orders zeigen nur einen Teil ihrer Größe), und ein großer Teil des US-Aktienvolumens wird außerbörslich gehandelt, wo es nie im Orderbuch erscheint. Für die volle Markttiefe bei Aktien braucht man einen Börsen-Feed wie Nasdaq TotalView, meist ein kostenpflichtiges Zusatzpaket bei Ihrem Broker. Krypto-Börsen veröffentlichen ihre Orderbücher dagegen offen.
Time & Sales: das Tape lesen
Time & Sales (das Tape) ist die Liste aller Trades: Uhrzeit, Kurs und Stückzahl. Plattformen färben Prints oft grün, wenn sie zum Ask gehandelt werden, und rot, wenn zum Bid.
Worauf Trader achten:
- Tempo. Ein Tape, das an einem Ausbruchsniveau schneller wird, ist ein Zeichen, dass echtes Interesse angekommen ist.
- Prints zum Ask beim Ausbruch. Ein Ausbruch, bei dem Käufer die Angebote abnehmen, ist stärker als einer, der auf kleinen Prints nach oben driftet.
- Absorption. Starker Verkaufsdruck an einer Marke, während der Kurs nicht fallen will, deutet darauf hin, dass ein großer Käufer das Angebot aufnimmt; am Widerstand gilt das Umgekehrte.
Big Prints und Blocktrades
Ein Big Print ist ein einzelner Trade, der weit größer ist als die typische Tradegröße der Aktie. Blocktrades und viele Ausführungen in Dark Pools tauchen so auf, gemeldet über die Trade Reporting Facilities der FINRA. Trader beobachten, wo sich Big Prints häufen, weil Preisstufen, an denen große Stückzahlen gehandelt wurden, oft wieder wichtig werden.
Seien Sie vorsichtig bei der Deutung. Ein Big Print zeigt, dass eine große Stückzahl zu einem bestimmten Kurs den Besitzer gewechselt hat. Er verrät nicht, ob der große Marktteilnehmer gekauft oder verkauft hat, ob es Teil einer Absicherung war oder was er als Nächstes tut.
Volume at Price und Volume Profile
Das Volume Profile macht aus der Historie der Trades ein horizontales Histogramm: wie viele Aktien während einer Sitzung oder einer Spanne auf jeder Preisstufe gehandelt wurden. Die wichtigsten Begriffe:
- Point of Control (POC): der Kurs mit dem meisten Volumen, an dem der Markt die meiste „Einigkeit“ gefunden hat.
- Value Area: die Spanne, in der der Großteil des Volumens gehandelt wurde.
- Low-Volume-Nodes: Preisstufen, durch die der Markt schnell gelaufen ist und durch die er oft wieder schnell läuft.
Das Volume Profile ist eine Landkarte akzeptierter und abgelehnter Preise. Orderflow ist das, was passiert, wenn der Kurs zu ihnen zurückkehrt.
So setzen Sie Orderflow in der Praxis ein
Orderflow funktioniert am besten als Bestätigung, nicht als Setup an sich:
- Beginnen Sie mit einer Marke: dem Tageshoch, einem Test des VWAP, dem oberen Rand einer Bull Flag, einem Knoten im Volume Profile.
- Beobachten Sie den Orderflow an der Marke: Nehmen Käufer die Angebote ab, oder wird Stückzahl absorbiert?
- Handeln Sie auf die Kombination: Eine Marke, die hält, während aggressiv gekauft wird, ist ein besserer Long als jedes der beiden Signale allein.
- Respektieren Sie den Stop: Der Orderflow kann in Sekunden kippen.
Die Grenzen von Orderflow für Privattrader
- Latenz. Feeds und Apps für Privattrader sind langsamer als professionelle; bis Sie ein Muster sehen, haben schnellere Marktteilnehmer schon darauf reagiert.
- Verborgene Liquidität. Iceberg-Orders und außerbörslicher Handel bedeuten, dass das Orderbuch nie das ganze Bild zeigt.
- Spoofing und Stornierungen. Stückzahlen im Orderbuch sind keine Verpflichtung.
- Geschätzte Seiten. Sofern Ihre Daten nicht die Seite jedes Trades kennzeichnen, sind „Käufer“ und „Verkäufer“ eine Schätzung.
Orderflow in Finradar
Die Finradar-Web-App hat neben Key stats einen Tab Order flow (Teil von Pro). Für US-Aktien zeigt er live den besten Bid und Ask mit Stückzahlen von allen US-Börsen, die auf jeder Preisstufe gehandelten Aktien, aufgeteilt in Käufer und Verkäufer, und das Tape mit hervorgehobenen Big Prints. Big Prints lassen sich außerdem als Blasen im Chart markieren. Für Aktien gibt es dort kein öffentliches Orderbuch, deshalb wird Käufer oder Verkäufer anhand der Tick-Richtung jedes Trades geschätzt. Für Krypto zeigt der Tab das vollständige Orderbuch mit Stückzahlen auf jeder Stufe. Kombinieren Sie ihn mit ungewöhnlichem Volumen, um herauszufinden, wo sich ein Blick auf den Orderflow lohnt.
Keine Anlageberatung. Orderflow-Daten sind unvollständig und können sich im Nu ändern; Trading ist mit einem erheblichen Verlustrisiko verbunden.